Payment im Auto ‒ Motor für mobiles bezahlen

„Connected Cars“ ‒ nein, das ist nicht der englische Begriff für „Abschleppdienst“, wie mir kürzlich jemand leicht ironisch sagte, der sich über Anglizismen in der deutschen Sprache ärgerte. Das Schlagwort steht für einen boomenden Markt in der Automobilindustrie, der durch die Digitalisierung in den kommenden Jahren ein enormes wirtschaftliches Potential entfalten wird ‒ und zwar die Vernetzung von Fahrzeugen und die Nutzung von Daten aus dem Auto heraus. Die Sparkassen-Finanzgruppe hat die Bedeutung dieses Marktes erkannt, denn Payment wird hier eine wichtige Rolle spielen.

Wie aus einer aktuellen globalen Studie des Beratungsunternehmens McKinsey & Company hervorgeht, beläuft sich das Wertpotenzial bis zum Jahr 2030 insgesamt auf bis zu 400 Milliarden US-Dollar im gesamten Mobilitäts-Ökosystem von Autoherstellern, Zulieferern und Serviceanbietern bis hin zu Versicherungen, Infrastruktur- und Tech-Unternehmen. Die Summe setzt sich zusammen aus 250 Milliarden US-Dollar Umsatz und 150 Milliarden US-Dollar Einsparpotenzial. Pro Fahrzeug ließen sich im Jahr 2030 im Schnitt bis zu 310 US-Dollar zusätzlicher Umsatz und 180 US-Dollar Einsparpotential realisieren.

Wichtiger Wettbewerbsfaktor

Die Autoindustrie weltweit hat laut McKinsey verstanden, dass Konnektivitäts-Lösungen nicht nur zusätzlichen Umsatz und Kosteneinsparungen über den gesamten Lebenszyklus des Autos bringen, sondern die Kunden auch viel stärker an die Marke binden. Das Kundeninteresse sei grundsätzlich vorhanden: 37 Prozent der Autokäufer hätten angegeben, sie würden für bessere Konnektivität sogar die Marke wechseln ‒ bei den für deutsche Marken so wichtigen Premiumkunden seien es sogar 47 Prozent.

McKinsey rechnet damit, dass 95 Prozent aller Neufahrzeuge 2030 zumindest grundlegende Konnektivitäts-Funktionen haben werden (heute 50 Prozent) ‒ dazu gehöre das Auslesen von Fahrzeugdaten und die Anbindung des Smartphones an das Infotainment-System des Fahrzeugs. Rund die Hälfte der Neufahrzeuge werde 2030 den Fahrern und Passagieren sogar weiter fortgeschrittene Funktionen bieten ‒ dies reiche von der Personalisierung der Inhalte für jeden einzelnen Mitfahrer bis hin zu einem „virtuellen Chauffeur“, der auf der Basis künstlicher Intelligenz zum Beispiel Empfehlungen für die optimale Route macht.

Das Thema wird für die Autohersteller also zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor und führt dazu, dass die Konzerne zunehmend eigene Connectivity-Plattformen und Apps anbieten.

Bedeutung und Marktpotenzial von In-Car-Payments

Im Zuge der zunehmenden Ausstattung von Fahrzeugen mit Konnektivitäts-Funktionen und Infotainment-Systemen werden auch In-Car-Payment-Lösungen in den nächsten Jahren immer mehr an Bedeutung gewinnen. Schon heute sind viele Autofahrer sehr daran interessiert, das Fahren zum Convenience-Erlebnis zu machen und sinnvoll in ihren immer digitaler geprägten Tagesablauf zu integrieren. Die Möglichkeit, während der Fahrt etwas einkaufen oder bestellen zu können und direkt aus dem Auto heraus digital zu bezahlen spart Zeit und erhöht die Sicherheit ‒ denn die Anzahl der erforderlichen Zwischenstopps wird auf ein absolutes Minimum reduziert.

Eine neue Studie von Juniper Research („In-vehicle Payments: Adoption, Vendor Positioning & Market Forecasts 2020-2025 Report“) prognostiziert, dass das Wertpotenzial von In-Car-Payments bis zum Jahr 2025 auf weltweit 86 Milliarden US-Dollar wachsen wird ‒ von 543 Millionen US-Dollar in 2020.

Automobilhersteller wie BMW, Mercedes, Ford, Honda, General Motors oder Jaguar Land Rover haben bereits In-Car-Payment-Services entwickelt oder sind aktuell dabei, entsprechende Lösungen in ihre Fahrzeugmodelle zu integrieren. Die Payment-Ökosysteme sind so gestaltet, dass die Fahrer oder Passagiere das Auto nicht mehr zwingend verlassen müssen, um zum Beispiel einen Snack oder Kaffee für unterwegs zu bestellen, die Tankfüllung oder Elektrostrom-Ladung zu bezahlen, einen Parkplatz zu reservieren oder Mautgebühren zu entrichten.

Verkehrsinfrastruktur weitgehend technisch für Akzeptanz mobiler Zahlungen ausgestattet

Beschleunigt wird der Einsatz von In-Car-Payment-Lösungen sicherlich dadurch, dass wichtige Knotenpunkte der Verkehrs-Infrastruktur ‒ wie etwa Parkhäuser und Parkplätze, Tankstellen, Raststätten oder Mautstationen ‒ heute schon mehrheitlich technisch für die Akzeptanz mobiler Zahlungen ausgestattet sind. Hier können also auch Smartphone- oder Wallet-Zahlungen stattfinden, die global betrachtet von Jahr zu Jahr immer höhere Marktanteile gewinnen ‒ nicht zuletzt aufgrund der weltweit steigenden Akzeptanz von digitalen Payment-Lösungen der großen Tech-Unternehmen wie Amazon, Apple oder Google.

Seit Mitte 2020 hat die COVID-19-Pandemie den Trend zum bargeldlosen Bezahlen spürbar befeuert und die Wachstumszahlen für kontaktloses und mobiles Bezahlen in vergleichsweise kurzer Zeit überproportional in die Höhe schießen lassen. Die zunehmende Akzeptanz wird auch das digitale Bezahlen aus dem Auto heraus für die Fahrer zu einer immer selbstverständlicheren Alltagshandlung machen. Das haben natürlich auch große Player im Payment-Markt wie Mastercard, Visa oder Paypal erkannt, die in Partnerschaften und Kooperationen mit Automobilherstellern In-Car-Payment-Plattformen entwickeln ‒ auf denen natürlich bevorzugt deren eigene Zahlverfahren, idealerweise als „Invisible Payments“ ‒ zum Einsatz kommen sollen.

Strategische Bedeutung von In-Car-Payments für die Sparkassen-Finanzgruppe

Die Sparkassen-Finanzgruppe hat die Relevanz digitaler Geschäftsmodelle für „Connected Cars“ mit Blick auf die Autofahrer und Passagiere sowie die Automobilhersteller erkannt und als wesentliches Zielsegment für das Bezahlen der Zukunft identifiziert. Sie hat daher „In-Car Payment“ als Baustein in ihre Payment Roadmap aufgenommen. Diese bildet digitale Zahlungsverkehrs-Produkte- und -lösungen ab, die die Sparkassen-Finanzgruppe perspektivisch in den nächsten zwei bis drei Jahren im deutschen Markt einführen beziehungsweise deren Funktionalitäten sie ausbauen will.

Gerade auch im „Autoland“ Deutschland existiert ein wachsendes Marktpotenzial für In-Car-Payment-Systeme und damit auch für Zahlungen aus dem Auto heraus ‒ sowohl rein quantitativ betrachtet von der Anzahl der Fahrzeuge als auch gemessen an der Zeit, die die Deutschen pro Tag im Auto verbringen.

Laut aktuellen Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes gab es zum Stichtag 1. Januar 2021 in Deutschland knapp 67 Millionen zugelassene Fahrzeuge. Der Bestand hat sich damit im Vergleich zum Vorjahresstichtag um 1,1 Millionen Fahrzeuge erhöht (ein Zuwachs von 1,6 Prozent). Die Fahrzeugklasse mit dem stärksten Anteil bilden mit rund 48.249.000 Einheiten und einem Plus von 1,1 Prozent erneut die Personenkraftwagen.

68 Prozent der Erwerbstätigen, die täglich zur Arbeit pendeln, benutzen dafür das Auto, wie aus dem letzten aktuellen Mikrozensus des statistischen Bundesamtes von 2017 hervorgeht. Der Großteil der Pendler (70 Prozent) braucht danach für die einfache Strecke weniger als 30 Minuten. 22 Prozent brauchen zwischen 30 und 60 Minuten, und ungefähr fünf Prozent benötigen sogar eine Stunde und länger für den einfachen Weg zur Arbeitsstätte. Eine teilweise erhebliche Zeitinvestition, die Autofahrer ‒ zumindest im während der Stoßzeiten schon gewohnten Pendlerstau ‒ sinnvoll nutzen können, um von unterwegs schon einmal etwas einzukaufen, zu bestellen oder zu reservieren.

Reichweitenstarke Bezahlverfahren stärken Akzeptanz von In-Car-Payment

Damit In-Car-Payment von den Bundesbürgern angenommen wird, muss auch das Bezahlen aus dem Auto heraus so einfach sein wie das alltägliche Bezahlen im Einzelhandel. Alle Payment-Aktivitäten der Sparkassen-Finanzgruppe verfolgen das Ziel, dass unsere Kunden in jeder Alltagssituation, immer und überall „mit ihrer Sparkasse“ bezahlen können. Wir sind davon überzeugt, nur durch reichweitenstarke, günstige und zukunftsfähige Zahlverfahren eine breite Akzeptanz von In-Car-Payment in allen Bevölkerungsgruppen und damit auch zum Vorteil der Fahrzeughersteller zu erreichen.

Eine Konzentration rein auf Kreditkarten oder proprietäre Bezahlverfahren, die lediglich ein Teil der Bundesbürger besitzt, würde dem existierenden Zahlungsmix in Deutschland nicht gerecht. Eine Vernachlässigung von Debitkarten-Systemen bei der Integration in In-Car-Payment-Systeme ginge am Bezahlverhalten der Bundesbürger im Alltag vorbei.

Die Sparkassen-Finanzgruppe hat sich daher schon frühzeitig im Zukunftsmarkt für „Connected Cars“ engagiert ‒ um den proprietären Bezahlverfahren nicht das Feld zu überlassen und die bekannten Zahlverfahren der deutschen Kreditwirtschaft auch in die Connectivity-Plattformen und -Apps der Automobilindustrie zu integrieren.

Die wichtigsten Einsatzfelder für In-Car-Payment

Die oben erwähnte Studie von Juniper Research hat ermittelt, dass das Kraftstoff-Tanken und das Laden von Elektrostrom weltweit die wichtigsten Einsatzfelder von In-Car-Payments sein werden ‒ im Jahr 2025 sollen laut der Studie 77 Prozent aller Bezahltransaktionen aus dem Auto heraus in diesen beiden Bereichen stattfinden. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die Unternehmensberatung Grand View Research, die in ihrer Studie „In-vehicle Payment Services Market Size Report, 2020-2027“ die folgenden relevanten Einsatzfelder für In-Car-Payment-Anwendungen auflistet: Parken, Tankstellen/E-Ladesäulen, Shopping sowie Essen/Getränke.

Dies deckt sich im wesentlichen mit den fünf Einsatzbereichen, die wir für den deutschen Markt als die erfolgversprechendsten identifiziert haben:

  • Parken
  • Tanken
  • Waschen
  • On Demand Services (z. B. Inspektionen, Reifenkauf)
  • Mobilität (z. B. Carsharing)

Für diese priorisierten Segmente schließt die S-Payment für die Sparkassen-Finanzgruppe strategische Partnerschaften, um gemeinsam mit Automobilherstellern und Automobil-Zulieferern diesen sich neuformierenden Markt mitzugestalten. Die ersten In-Car-Payment-Projekte sind bereits erfolgreich gestartet.

EasyPark

In diesem Jahr hat die S-Payment die EasyPark GmbH als Kooperationspartner gewonnen. Mit mehr als zwölf Millionen Anwendern ist EasyPark die meistgenutzte Parking-App in Europa. Mit ihr können Autofahrer in mehr als 275 deutschen Städten Parkgebühren minutengenau und bargeldlos bezahlen, unter anderem in Frankfurt, Köln, Hamburg und Berlin. Europaweit sind es über 2.200 Städte in 20 Ländern, Tendenz steigend.

Seit kurzem läuft EasyPark als erste europäische Parking-App auf der Fahrzeugsoftware Apple CarPlay. Sie verbindet das iPhone mit dem Infotainment-System des Fahrzeugs, damit die Fahrer komfortabel navigieren, Musik abspielen oder jetzt auch parken können. Ganz ohne Smartphone lässt sich EasyPark bereits über die Onboard-Systeme aktueller Modelle von Volvo, Mercedes und Polestar bedienen.

Die EasyPark-App steuern die Fahrer über die gewohnten Bedienelemente im Auto, also mit Tasten und Touchscreen. Voraussetzung ist, dass das iPhone mit dem Fahrzeug verbunden ist. Zeitnah zur Integration von Apple CarPlay hat EasyPark gemeinsam mit der S-Payment zudem paydirekt, das E-Commerce-Zahlverfahren der deutschen Banken und Sparkassen, als neue zusätzliche Bezahllösung in die App implementiert. paydirekt werden Banken und Sparkassen übrigens mit den Bezahlverfahren giropay und Kwitt unter der Marke „giropay“ zusammenführen. Die Einführung startet ab 10. Mai mit der visuellen Vereinheitlichung von paydirekt und giropay. Ziel der damit beginnenden mehrmonatigen Übergangsphase ist es, giropay als übergeordnete Payment-Marke bei Kunden und Handel zu etablieren.

PACE Drive App

Nahezu zeitgleich zu EasyPark hat die S-Payment GmbH gemeinsam mit der PACE Telematics GmbH das Zahlverfahren paydirekt auch in die PACE Drive App integriert. Damit können Autofahrer an bereits rund 700 Tankstellen ihre Tankfüllung mobil bezahlen. Dazu gehören unter anderem alle Tankstellen der Marke Hoyer in Deutschland. Im Rahmen ihrer Zusammenarbeit wollen S-Payment und PACE Telematics die Akzeptanz für die PACE-Drive-App im deutschen Tankstellennetz weiter ausbauen. Die App kann kostenlos auf iPhones und Android-Smartphones genutzt werden und ermöglicht die Zahlung direkt an der Zapfsäule.

Bei der Anfahrt an die Tankstelle informiert die PACE Drive App den Fahrer, dass er hier mobil bezahlen kann. Er wählt in der App die Zapfsäule aus, an der er tanken will. Der fällige Betrag wird centgenau angezeigt und der Kunde kann nun auswählen, welches Zahlverfahren er verwenden möchte ‒ ab sofort auch paydirekt. Jede Zahlung bestätigt der Kunde persönlich über Face ID, per Fingerabdruck oder mit einer PIN.

Der Gesamtbetrag wird direkt vom Konto zur Zahlung angewiesen, der Kunde erhält per E-Mail einen digitalen Kassenbeleg zugesendet, den er über die App einsehen kann und kann direkt weiterfahren. Das Kassenpersonal der Tankstelle wird automatisch vom System benachrichtigt, dass die ausgewählte Zapfsäule mobil bezahlt wurde und wieder freigegeben ist.

Diese zwei aktuellen Projekt-Beispiele belegen, dass mobile Services auch im Automobilsektor zunehmend eine größere Rolle spielen. Sie zeigen überzeugend, wie convenient Payment in Mobilitäts-Apps sein kann.

Ausblick

Mit den genannten Kooperationen konnte die S-Payment für die Sparkassen-Finanzgruppe erste Meilensteine für „In-Car-Payments“ erreichen. Sie hat damit die Voraussetzungen für weitere gemeinsame Projekte mit relevanten Automotive-Zulieferern und Serviceanbietern im schnell wachsenden Mobilitätsmarkt geschaffen.

Derzeit lässt sich erkennen, dass es vielen Akteuren der Automobilbranche noch an Payment-Know-how mangelt, da deren Kernkompetenz und Expertise naturgemäß auf der technischen Entwicklung von Fahrzeugen oder Automotive-Komponenten liegt. Daher ist jetzt der Markteintritt für die Sparkassen-Finanzgruppe notwendig, um den Markt bereits zu Beginn aktiv mitzugestalten und nicht erst auf gereifte Marktsituationen zu reagieren. Wir haben den Anspruch, dass In-Car-Payment-Zahlungen auch mit Payment-Produkten der Sparkassen-Finanzgruppe durchgeführt werden.

Payment-Lösungen für innovative Geschäftsmodelle

Mit weiteren namhaften Unternehmen der Automobilbranche und Vertretern damit verbundener Märkte und Branchen führen wir bereits Gespräche über potenzielle Kooperationen. Sie würden uns zukünftig zusätzliche breit gefächerte Möglichkeiten bieten, unsere Payment-Lösungen in innovative Geschäftsmodelle zu integrieren.

Der Ausbau dieses vielversprechenden Netzwerks dient dazu, das Payment-Ökosystem der Sparkassen-Finanzgruppe auch im Zukunftsmarkt „Connected Cars“ zu etablieren: Wir wollen für „In-Car Payment“-Anwendungen einen leistungsfähigen digitalen Zahlungsverkehrsmix anbieten, der Autofahrern „überall einfaches Bezahlen mit der Sparkasse“ an allen wichtigen Knotenpunkten der Verkehrs-Infrastruktur ermöglicht.

( Namensbeitrag von Ottmar Bloching, Mitglied der Geschäftsführung der DSV-Gruppe und Vorsitzender der Geschäftsführung der S-Payment)